Die Zukunft des UN-Konferenz(un)wesens oder kein „zweites Kopenhagen“

Klimakonferenzen sind laut, lang, unübersichtlich, anstrengend, entscheidungsgehemmt und wenig ergebnisorientiert. Bei allen Punkten lässt sich ansetzen. Dazu einige Gedanken.

Manche liegen, manche sitzen ... (Foto: Martin Haasler)

Manche liegen, manche sitzen ... (Foto: Martin Haasler)

Laut und anstrengend: Zehntausende von Teilnehmern schieben sich unermüdlich telefonierend und redend durch die nicht schallisolierten Messehallen. Fernseher an allen Ecken sorgen für die Hintergrundbeschallung. Aktionsgruppen aller Art (von professionell aufgestellt bis aktionistisch kreativ) sorgen mit Aktionen (auch stunts genannt), mit Gesang und dem Rufen wichtiger Parolen (Don’t kill Kyoto – Climate Justice Now, One Africa- one Degree, u.a. ) für audio-visuelle Ablenkung, Anregung und auch Belästigung.

Eine Abhilfe könnte in zwei Richtungen gehen. Das Klimasekretariat und das jeweilige Gastgeberland gestalten die Räume in einer Weise, dass die Schallschutzverordnungen wenigstens in Hoerweite kommen. Das sollte nicht so schwer sein mit entsprechenden Verkleidungen, Teppichen, Einrichtung optisch und akustisch abgetrennter Ruhezonen. Der Kreativitaet eine Chance!

Der Verhandlungsbereich und der Informationsbereich (Stände, side-events, Ausstellungen, Videos) werden räumlich besser getrennt, bleiben aber verbunden. Schon zwei Eingänge wären ein Fortschritt. Vielleicht sollte das Klimasekretariat und auch die Zivilgesellschaft eine Debatte starten, dass es zwar schön ist, wenn sich viele Menschen für den Klimaschutz engagieren, dass es aber keine lineare Beziehung gibt zwischen der Zahl der Teilnehmenden und der Qualität einer Klimakonferenz. Weniger ist da mehr. In Kopenhagen war der Punkt definitiv überschritten, bei dem es noch einen Nutzenzuwachs bringt, wenn mehr Leute kommen. Diejenigen die stundenlang erfolgreich und auch nicht erfolgreich in der Kälte gestanden haben, werden dies mit Zähneklappern bestätigen. Klimakonferenzen sollten nicht in Richtung einer Art weltweiten Klima-Kirchentags mutieren.

Lang und wenig ergebnisorientiert: 14 Tage Daueraustausch sind eine echte Herausforderung. Die meisten VerhandlerInnen sind am Ende dermaßen ausgelaugt, dass allein dies schon ein Grund für die schlechten Ergebnisse sein könnte. Die Themen werden in großen Plenartagungen und mittelgrossen Kontakgruppen in einer Art Frontalunterricht diskutiert. Der Text liegt meist nur als Ausdruck vor (häufig aber auch nicht). Oben sitzen die beiden Co-Chairs und versuchen, den Überblick zu behalten.

Wortbeiträge scheinen an ein unbestimmtes Nichts im Raum gerichtet und beziehen sich wenig auf die davor oder danach liegenden Äußerungen. Auch persönliche Verbindungen werden in den Beiträgen nicht spürbar. Wäre es nicht möglich, den Prozess zu beschleunigen, indem eine Core group bestimmt wird, in der Verhandler der Länder, aber auch externe Experten und Zivilgesellschaft sitzen? Diese haben den Auftrag einen Entwurf mit Kommentierungen zu erstellen, der dann eine gut ausgearbeitete Grundlage für die Verhandlungen ist. Gute Vorbereitung und Vertrauensbildung könnten den Zeitbedarf bei den Klimakonferenzen möglicherweise verkürzen.

Unübersichtlich und entscheidungsgehemmt: Alles was bei den technisch-inhaltlichen Verhandlungsgruppen nicht entschieden werden kann, wird auf das High-Level-Segment (HLS) der Minister oder wie in Kopenhagen auf dem Very-High-Level-Segment der Staatschef verschoben. Das erzeugt nicht gerade Dynamik. Wie wäre es, wenn das HLS auf den Anfang geschoben wird und die politische Richtung vorgibt? Danach könnten die Verhandler ausgestattet mit Mandat Texte ausarbeiten, verabschieden und den Ministern vorlegen. Eine Ratifizierung erfolgt bei einem weiteren HLS zu späterem Zeitpunkt. In Zeiten der modernen Kommunikation könnte sogar eine elektronische Abstimmung erfolgen bzw. die jeweiligen Ministerien wären online dabei. Dies erfordert allerdings eine gewisse technische Ausstattung am Arbeitsplatz. Dort steht allerdings bisher nur ein Mikrophon und vielleicht ist ein Dreifach-Stecker in der Nähe und vielleicht sind dort nicht schon drei Stecker drin.

Ein Mehrfachstecker - kann helfen, die Welt ein bisschen besser zu machen ... (Foto: Paul-Georg Meister/pixelio.de)

Ein Mehrfachstecker - kann helfen, die Welt ein bisschen besser zu machen ... (Foto: Paul-Georg Meister/pixelio.de)

Soweit einige Eindrücke aus dem Raumschiff Weltklimakonferenz. Je länger ich nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, wie verwunderlich groß die Lücke ist zwischen der Dimension der zu erledigenden Aufgabe („Wir retten die Welt“) und den Techniken, um dies zu erreichen („vergangenes Jahrhundert“). Vielleicht ist es aber auch nur das Klagen eines zivilgesellschaftlichen Beobachters, der meist noch weiter weg ist von noch freien Dreifachsteckern und Angst hat, dass sein Beitrag ausfällt, weil seine Batterie gerade zu Ende ist.

Richard Brand

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Autor: Richard Brand
Datum: Donnerstag, 17. Dezember 2009 17:40
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