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Das Ende der Welt, wie wir sie kannten.

Samstag, 19. Dezember 2009 15:00, Johannes Kuestner

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Die Verhandelnden haben in Kopenhagen eine historische Chance verschlafen. (Foto: Bulkacz)

Sonnabend, 19.12.2009, 14:33 Uhr. In Kopenhagen läuft gerade die letzte Plenarsitzung. Innerhalb der nächsten Stunden ist die Klimakonferenz beendet. Das Ergebnis: Ein katastrophales Politikversagen, das viele Menschenleben kostet. Die Orientierung auf kurzfristige wirtschaftliche Interessen, anstatt auf unsere Überlebensfähigkeit, hat zum Scheitern der Konferenz geführt. Mit der Kopenhagener Absichtserklärung wird die Begrenzung der Temperaturerhöhung um höchstens 2 Grad Celsius nicht erreicht. Die Absichtserklärung wurde nicht durch einen transparenten Verhandlungsprozess erarbeitet. Sie ist nicht fair, nicht ambitioniert und nicht rechtlich verbindlich. Insbesondere die Industrie- und Schwellenländer haben noch nicht verstanden, dass Inseln des Wohlstands in einem Meer des Elends nicht überleben werden.

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Außerirdische suchen auf der Konferenz vergeblich nach Vorbildern. (Foto: J. Küstner)

Wir können hoffen, dass dieser Schock die Welt aufrüttelt und dass im nächsten Jahr zielführend weiterverhandelt wird. Vielleicht wird Mexiko im Dezember 2010 bei der COP 16 ein besserer Gastgeber sein als Dänemark es war. Vielleicht wird es Mexiko besser gelingen, das gewachsene Misstrauen zwischen Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländern durch einen transparenteren Prozess zu überwinden. Seit am Mittwoch immer wahrscheinlicher wurde, dass diese Klimakonferenz scheitert, begannen Beobachter über mögliche Veränderungen des Verhandlungsprozesses zu diskutieren. Doch das historische Politikversagen in Kopenhagen bedeutet nicht nur, dass das Verhandlungsprozedere verbessert werden muss. Es zeigt auch an, dass wir uns nicht darauf verlassen können, dass die Lösungen für unsere Überlebensfragen von der Politik kommen werden.

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Eine Mutter demonstriert in Kopenhagen für ihr Kind. (Foto: J.Küstner)

Der Klimawandel führt zum „Ende der Welt, wie wir sie kannten“ (vgl. Welzer & Leggewie, 2009). Unsere Art zu leben wird sich deutlich verändern. Energieverschwendung und materiellen Überfluss wird es in der neuen Welt so nicht mehr geben. Doch auch die Demokratie wird sich dadurch verändern. In Kopenhagen haben Politiker immer wieder auf die entscheidende Rolle der Wirtschaft für den Aufbau einer Niedrig-Emissions-Gesellschaft hingewiesen. Die Bedeutung der Unternehmen ist nicht von der Hand zu weisen. Aber dafür, dass die Politik den Unternehmen endlich Leitplanken setzt, die einen solchen Umbau ermöglichen und dafür, dass die notwendigen Veränderungen sozial gerecht gestaltet werden, braucht es vor allem eine Demokratisierung unserer Gesellschaft. Die Zivilgesellschaft kann durch eine Politisierung von persönlichem Engagement, Lösungen hervorbringen und Druck aufbauen, damit auch Akteure in Politik und Wirtschaft ihre erforderliche Verantwortung für den Wandel übernehmen.

Bereits im vergangenen Jahr haben „Brot für die Welt“, der Evangelische Entwicklungsdienst (EED) und der BUND die notwendige gesellschaftliche Debatte für einen Kurswechsel auf Zukunftsfähigkeit angestoßen (www.zukunftsfaehiges-deutschland.de). Zahlreiche Initiativen, Verbände und nicht zuletzt die evangelische Kirche in Deutschland haben diese Debatte aufgegriffen und sind auf dem Weg, selbst Akteure des Wandels zu werden. In dem Projekt „Zukunft fair teilen“ gibt es umfangreiche Unterstützungen und Anregungen für diesen Weg: Wir können unsere christliche Verantwortung, Gottes gute Schöpfung zu bewahren, Wirklichkeit werden lassen. Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben. Gehen Sie mit! Desmond Tutu hat es aus christlicher Perspektive in Kopenhagen klar gemacht: „Gott kann diese Welt retten. Ja, Gott kann auch das Klima schützen. Aber er will, dass wir dabei mitarbeiten.“Zukunft

Desmond Tutu predigte Hoffnung: „Wir sind in Südafrika marschiert und haben die Apartheid überwunden. Wir sind in Berlin marschiert und haben die Mauer zu Fall gebracht. Wir marschieren in Kopenhagen und erreichen Klimagerechtigkeit!“ In Kopenhagen ist es noch nicht gelungen. Dafür muss der Marsch noch größer werden. Nicht unbedingt auf der nächsten Klimakonferenz, sondern vor allem in unseren eigenen Ländern. Hier müssen wir Veränderungen anstoßen. Und das braucht die Beteiligung aller. Wenn bei Demonstrationen für die Bewahrung der Schöpfung nicht nur Tausende, sondern Millionen auf die Straße gehen, dann bringen wir auch die Mauer der Klimaungerechtigkeit zu Fall.

Wer glaubt, er sei zu klein, um etwas zu bewegen, hat noch nie eine Nacht mit einer Mücke verbracht. Für ein zukunftsfähiges Deutschland und Klimagerechtigkeit brauchen wir einen Mückenschwarm.

Johannes Küstner

Thema: Allgemein, Demonstration, Klimagerechtigkeit, Klimakonferenz | Kommentare (0) | Autor: Johannes Kuestner

Sind wir es nicht wert?

Donnerstag, 17. Dezember 2009 19:02, Johannes Kuestner

Plakat von tcktcktck und Greenpeace - wenn Sie das Bild klicken, sehen Sie alle Plakate dieser Reihe

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Der Film „The Age of Stupid“ (Das Zeitalter der Dummheit) schaut aus der Perspektive des Jahres 2055 auf die Gegenwart zurück. Einer der wenigen noch lebenden Menschen sammelt im „Weltarchiv“ Dokumentationen, Kurzreportagen und Nachrichtenbeiträge aus unserer Gegenwart zusammen. Sein Motiv: Er versucht zu rekonstruieren, warum es der Menschheit nicht gelungen ist, die Klimakatastrophe zu verhindern, obwohl sie um die Gefahr wusste. Nachdem er einige  Bemühungen für den Klimaschutz, aber noch mehr Ignoranz und Handlungsunwillen beobachtet hat, resümiert er und stellt sich selbst eine tiefgründige Frage: Wir kannten die Gefahr und wir wussten, was zu tun ist. Trotzdem haben wir uns nicht gerettet. Lag es vielleicht daran, dass wir uns nicht sicher waren, ob wir es wert sind, gerettet zu werden?

Die Gefahr ist real. Unsere Politiker, die morgen eine Vereinbarung zur Verhinderung der Klimakatastrophe erreichen sollen, haben einen klaren Auftrag. Sie sollen sich darauf einigen, wie wir den Erhalt der Lebensgrundlagen auf diesem Planeten sichern können. Bereits gegenwärtig kostet der Klimawandel jährlich 300.000 Menschenleben. Ökonomische Schäden von 125 Milliarden Dollar jährlich resultieren aus den klimatischen Veränderungen. Und das bereits heute, obwohl die Veränderung der ökologischen Rahmenbedingungen noch sehr gering ist im Vergleich zu dem, was uns erwartet, wenn wir nicht jetzt mit voller Entschlossenheit handeln.

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Inselstaaten werden als erste untergehen. (Foto: J.Küstner)

Doch trotz der großen Anzahl an Willensbekundungen, die in Kopenhagen heute zu hören sind, wird im Hintergrund gefeilscht, gepokert und geschachert. Niemand will unter Umständen ein kleines bisschen mehr bezahlen als die anderen, selbst wenn dadurch die Katastrophe abwendbar wäre. Alle handeln falsch, weil die anderen ja schließlich auch falsch handeln. Soldaten, die nach dem Krieg über ihre Verbrechen nachdenken, argumentieren häufig: „Ich wusste schon irgendwie, dass es falsch war. Aber es haben doch alle so gehandelt. Hätte ich als einziger das Richtige tun sollen?

Zugegeben: Die EU hat nicht das schlechteste Angebot auf den Tisch gelegt. Aber sie darf sich deshalb nicht zurücklehnen und warten, dass die anderen ihre Angebote verbessern, bereit die Schuld am Scheitern dann eben notfalls den anderen zu geben. Die deutsche Delegation sagt: „Klimaschutz funktioniert nur, wenn alle mitmachen.“ Das stimmt. Aber dann ist es an uns, alles dafür zu tun, damit alle mitmachen.  Was uns lähmt, ist die Orientierung an den Unwilligen. Was wir brauchen, ist ein Wettstreit, um die schnellste Reduzierung der Treibhausgasemissionen.

Die EU hat noch Handlungsspielraum, sowohl bei den Reduktionszielen als auch bei den finanziellen und technologischen Unterstützungen. Wenn die Verhandlung sich nicht bewegt, muss die EU ihren Handlungsspielraum nutzen und verbunden mit konkreten Forderungen mehr auf den Tisch legen.

Wir sind nicht auf dem Marktplatz, wo wir uns im Zweifel dafür entscheiden können, das Huhn halt nicht zu kaufen. Wir brauchen ein faires, ambitioniertes und verbindliches Abkommen. Die Alternativen sind nicht akzeptabel. Eine ungewisse Verzögerung der Einigung ohne klare Weichenstellung kostet uns wertvolle Zeit, was bedeutet, dass die Schäden und die Kosten deutlich steigen. Ein Kollaps der Verhandlung wäre ein politischer Gesichtsverlust für alle Beteiligten.  Fast noch gefährlicher wäre aber ein politisches Statement, das keinen zügigen Weg zu konkreten Ergebnissen weist, von den Politikern aber dennoch als Erfolg verkauft wird (Greenwashing).

193 Delegationen sind in Kopenhagen in der Verhandlung. Über 100 Umweltminister und über 100 Regierungschefs beteiligen sich an der Klimakonferenz. Es liegt in ihren Händen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat heute in ihrer Ansprache dazu aufgerufen, in den verbliebenen Stunden kooperativ am gemeinsamen Ziel zu arbeiten. „Es ist hier für uns alle die Aufgabe zu zeigen: Die Welt arbeitet zusammen.“ Wir wünschen ihr für die Verhandlungen – in denen heute Abend auch die europäischen Regierungschefs noch einmal zusammensitzen – Erfolg und fordern sie auf, alles dafür zu tun. Wenn die Menschheit in Kopenhagen beweist, dass sie nicht in der Lage ist, für die globalen Herausforderungen gemeinsame Lösungen zu finden, dann stellt das nicht nur die Funktionsfähigkeit unserer politischen Systeme in Frage. Es bedeutet auch, dass die Alternative zu einem kooperativ und friedlich gesteuerten Zusammenleben eine friedlose Welt ist, in der die Mächtigen die letzten Ressourcen plündern und alle Menschen unter den gewaltigen ökologischen Folgen leiden. Wenn unsere Bundeskanzlerin am Ende des Gipfels verkünden muss, dass es leider kein erfolgversprechendes Ergebnis gab und sie mit dem Finger auf andere zeigt, kann das von niemandem akzeptiert werden.

(Johannes Küstner)

Thema: Allgemein, Demonstration, Emissionsminderung, Finanzierung, Klimagerechtigkeit, Klimakonferenz | Kommentare (0) | Autor: Johannes Kuestner

Blockaden aufbrechen! Jetzt sind entscheidende Impulse notwendig!

Mittwoch, 16. Dezember 2009 18:06, Johannes Kuestner

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Im Plenarsaal stocken die Verhandlungen. (Foto: J.Küstner)

Die Verhandlungssituation macht wenig Mut. Während Beobachter nun täglich weniger Zugang zum Verhandlungszentrum haben, stocken die Verhandlungen. Trotz langer Nachtarbeit ist es in den Arbeitsgruppen bislang nicht gelungen, Entwürfe zu erarbeiten, die den Staatsoberhäuptern als Verhandlungsgrundlage vorgelegt werden können. Die Tatsache, dass bisher so wenig Verhandlungsfortschritt erzielt werden konnte, gefährdet einen erfolgreichen Ausgang der Konferenz insgesamt.

Mittwoch Mittag ist Connie Hedegaard vom Vorsitz der Konferenz zurückgetreten. Das hat es in der Geschichte der Klimakonferenzen noch nie gegeben. Connie Hedegaard wird nun verstärkt die informellen Abstimmungen begleiten. Die formale Konferenzleitung übernimmt  der dänische Ministerpräsident Rasmussen. In diesem Zusammenhang wurde ein parallel erarbeiteter dänischer Textentwurf angekündigt. Dadurch wird das Misstrauen zwischen den Verhandlungsgruppen extrem verschärft. Wenn die Blockaden nicht bald aufgebrochen werden, steigt die Gefahr des Greenwashing enorm. In diesem Fall würde ein vollkommen unzureichendes Ergebnis als politischer Erfolg vermarktet. Bereits heute sind viele Staatsoberhäupter anwesend und so finden den ganzen Nachmittag und Abend Ansprachen der Staatsoberhäupter statt. Die Notwendigkeit eines fairen, ambitionierten und verbindlichen Abkommens wird dabei immer wieder mit großen Worten betont. Der Ministerpräsident Indonesiens sagte gerade: „Ich glaube immer noch, dass wir dieses Treffen mit einem Deal verlassen können, der den Planeten rettet.“ Auch Minister Röttgen sagte heute bei einer Veranstaltung des BMU: „Diese Konferenz wird zeigen, ob wir als Weltgemeinschaft in der Lage sind, den globalen Herausforderungen in einer kooperativen Weise zu begegnen.“

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Gestern forderte "Friends of the Earth" die EU auf, sich zu bewegen. Heute wurden die Freunde der Erde deshalb aus dem Bella Centre verbannt. (Foto: J.Küstner)

Doch die großen Worte bleiben Rhetorik, wenn die Verhandlungsparteien weiterhin nicht bereit sind, sich zu bewegen. Deutschland blockiert innerhalb der EU-Gruppe das Angebot auf unkonditionierte Reduzierung der Treibhausgasemissionen bis 2020 um 30%. Die Begründung der deutschen Delegation ist, dass sich zunächst die USA und China bewegen müssen, bevor die EU weitere Zugeständnisse machen kann.

An der britischen Südküste gibt es eine Mutprobe: In einem alten Auto fahren mehrere Personen auf die Klippe einer Steilküste zu. Es „gewinnt“ derjenige, der als letztes aus dem Auto springt, das mit voller Geschwindigkeit in den Abgrund gesteuert wird. Regelmäßig sterben dabei junge Männer, die nicht vor dem Absturz aus dem Auto springen.

Die Verhandlungssituation in Kopenhagen, ist mit dieser Mutprobe vergleichbar. Die EU könnte heute die entscheidenden Impulse in die Verhandlung bringen, indem sie ambitioniertere Emissionsreduktionsziele und eine ausreichende langfristige Kostenübernahme zusagt. Doch sie will sich nicht bewegen. Insbesondere Deutschland hätte hier die Möglichkeit wahre Vorbildfunktion zu zeigen, indem die deutsche Delegation aufhört weitreichendere Zusagen der EU-Gruppe zu blockieren.

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Die Polizei drängt Demonstranten vor dem Bella Centre heute mit Gewalt zurück. (Foto: filkaler)

Die Demonstranten, die heute die Konferenz stören wollten, wurden von der Polizei mit Tränengas und Knüppeln brutal zurückgedrängt. Auch wenn die physische Gewalt erst heute beim Konferenzzentrum angekommen ist, steht das Nichtvorankommen der Verhandlungen und das Pokern um die billigeren Verpflichtungen für eine viel größere Gewalt. Viele Millionen Menschenleben stehen in den nächsten Jahrzehnten auf dem Spiel. Und langfristig ist es unser aller Lebensgrundlage, auf deren Kosten hier gefeilscht wird.

Ein Vertreter der Delegation aus Tuvalu fasste die Situation heute so zusammen: „Wir sind auf der Titanic und sinken schnell, aber wir können die Rettungsboote nicht fertig machen, weil einige Crewmitglieder beschlossen haben, wir würden nicht sinken. Lasst uns die Rettungsboote jetzt herablassen!

(Johannes Küstner)

Thema: Allgemein, Emissionsminderung, Energie, Finanzierung | Kommentare (0) | Autor: Johannes Kuestner

Klimaflüchtlinge noch kaum im Blick

Mittwoch, 16. Dezember 2009 17:52, Johannes Kuestner

Der Klimawandel führt zu drastischen Umweltveränderungen. Durch die globale Erwärmung kommt es in vielen Gebieten der Welt, insbesondere in Asien zu einer erhöhten Anzahl verheerender Stürme und Überflutungen. Auch in Afrika nehmen Dürren, extreme Hitze und Überschwemmungen zu. Schon heute sind aufgrund dessen, viele Menschen gezwungen, ihren eigentlichen Lebensraum zu verlassen. (Besonders eindrückliche Beispiele unter www.climaterefugee.com)

Bei den UNFCCC Verhandlungen in Kopenhagen wird das allerdings kaum thematisiert. Die Debatte über klimabedingte Flucht und Migration und ihre Konsequenzen wird nicht öffentlich geführt. Einige wenige Veranstaltungen von UN-Organisationen und dem EU-Researchprojekt (EACH-FOR) schaffen es kaum, die Agenda zu beeinflussen.

Das liegt auch daran, dass es kaum verlässliche Daten über das zu erwartende Ausmaß dieser zukünftigen Wanderungsbewegungen gibt, die den Handlungsdruck auf die Vertragsparteien erhöhen können. Verschiedene Studien rechnen zwar bis zum Jahr 2050 mit zwischen 250 Millionen und einer halbe Milliarde Menschen, die sich den Klimaveränderungen nicht anpassen können und ihre Heimat verlassen werden, aber den Erhebungen liegt keine eindeutige Methode zugrunde. Wie können Menschen erfasst werden, die aufgrund eines Zyklons, wie Sidar in Bangladesh, nur unmittelbar aus dem Katastrophengebiet ziehen, nicht aber über Grenzen hinweg in einem anderen Land Zuflucht suchen? Noch drastischer zeigt sich das in Afrika. Kleinbauern, die aufgrund von Versalzung der Böden in das nächstgelegene, fruchtbarere Gebiet ziehen, finden nur sehr schwer Beachtung in Statistiken. Und gerade letztere würden sich selbst oft gar nicht als Klimamigranten bezeichnen, denn sie sehen sich gezwungen, umzusiedeln, weil sie kein Einkommen mehr für sich und ihre Familien erwirtschaften können, dass ihnen ein Überleben ermöglicht. Sie nennen sich dann Wirtschaftsmigranten. Oft ist auch nicht eindeutig, wann der Klimawandel für die Umweltveränderung oder wann bspw. industrielle Verschmutzung ursächlich sind.

Beispielhaft für die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels sind pazifische Inselstaaten oder Bangladesch, die im wahrsten Sinne des Wortes vom Untergang durch Meeresspiegelanstieg bedroht sind. Sie sind es auch, die bei COP 15 klar einfordern, dass erzwungene Flucht und Migration endlich adressiert werden. Begrüßenswert ist, dass klimabedingte Migration Eingang in die jetzt diskutierten Vertragsentwürfe gefunden hat und zwar erstmalig seit es die COP Verhandlungen gibt. Im Entwurfstext über Anpassungsmaßnahmen, ist  klar anerkannt, dass es durch Klimawandel bedingte Migration gibt und dass die Notwendigkeit besteht Wege zu finden, jenen, die davon betroffen sind zu helfen und auch Umsiedlungen als Anpassungsmaßnahme mitzudenken.

Noch sind viele Fragen offen. Kein Hinweis im Vertragsentwurf auf Instrumente, die jenen helfen würden, die betroffen sind und sein werden, geschweige denn, woher die Gelder dafür kommen. Wie soll identifiziert werden, welches die Länder sind, die Anpassungsleistungen für klimabedingte Migration in Anspruch nehmen können? Und wie kann sichergestellt werden, dass auch diejenigen, die am meisten durch Klimawandel gefährdet sind, geschützt werden und Anspruch auf Kompensationsleistungen erhalten? Und wie kann es gelingen, dass die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte garantiert werden, wenn ganze Bevölkerungen umgesiedelt werden?

Diesen Fragen kann und wird sich COP 15 noch nicht stellen, dafür ist die Debatte zu jung – Antworten werden noch lange diskutiert werden  – wichtig ist aber jetzt, dass am Ende von Kopenhagen ein rechtlich verbindliches Abkommen steht, in dem klimabedingte Migration anerkannt wird, in dem außerdem die CO2 Reduktionen genau festgeschrieben sind, das Verpflichtungen zu Anpassungsfinanzierungen (auch in ihrer Höhe) festschreibt und Staaten ein klares Commitment dafür abverlangt.

Morgen ist übrigens der internationale Tag des Migranten!

(Sophia Wirsching)

Thema: Anpassung, Armut | Kommentare (0) | Autor: Johannes Kuestner

Wer ist klimafreundlicher? Monsanto oder die Biokuh Elsa?

Mittwoch, 16. Dezember 2009 17:39, Johannes Kuestner

Landwirtschaftliche Flächen - Lebensmittel- und Energielieferant sowie CO2-Speicher (Foto: Thomas Schaack)

Landwirtschaftliche Flächen - Lebensmittel- und Energielieferant sowie CO2-Speicher (Foto: Thomas Schaack)

Zur Zeit wird vor allem der negative Beitrag der Landwirtschaft zum Klimawandel thematisiert. Insbesondere die Tierhaltung und an ihrer Spitze die Rinderhaltung und die damit verbundenen Methanemissionen stehen im Brennpunkt der Kritik. Auffallend ist dabei, wie wenig differenziert die Debatte ist. Dies ist auch in Kopenhagen zu beobachten. Auch dort wird vermittelt, dass der Verzehr von Fleisch einer der größten klimapolitischen Sünden ist und der Super-GAU des persönlichen Essverhaltens.

Dabei wird überhaupt nicht thematisiert, welche Art von Tierhaltung und Agrarwirtschaft klimaschädlicher ist. Es wird zum Beispiel nicht unterschieden zwischen der intensiven Rindermast in Texas mit Bewässerungslandwirtschaft und der Haltung von Rindern bei Nomaden in den weiten Steppen der Mongolei oder in Ostafrika, die ökologisch wertvolle Weideflächen nutzen, die für den Ackerbau völlig ungeeignet sind. Oder soll die Geflügel- und Schweinemast in den Niederlanden oder in Niedersachsen, die nur mit dem Import riesiger Mengen an Eiweißfuttermitteln aus Südamerika einhergeht und für die riesige wertvolle Savannen und Regenwaldflächen geopfert werden, klimafreundlicher sein als die Hühnerhaltung mit einheimischen Futtermitteln aus dem ökologischen Landbau?

Es werden Äpfel und Birnen verglichen. Für eine seriöse Debatte ist wichtig, dass der gesamte Produktionszyklus mit all den eingesetzten Produktionsmitteln betrachtet wird – vom Treibstoff, erdölbasiertem Stickstoffdünger bis hin zum abgeholzten Regenwald für Sojaplantagen. Und dieses Denken in Produktionszyklen und Kreisläufen zeigt uns zum Beispiel, entgegen den Behauptungen vieler Agrarwissenschaftler, dass die Milch der 5000-Liter-Kuh Elsa, die auf einem Biobauernhof lebt und im Sommer auf die Weide darf, klimafreundlicher erzeugt wird als die Milch einer 10000-Liter-Kuh mit einem hohen Einsatz an Soja und Getreide.

Auch bei der Klimakonferenz und gerade bei den Lösungsansätzen zur Vermeidung des Anstiegs von Treibhausgasen zeigt sich einerseits die gesamte Komplexität der Materie und andererseits die Begrenztheit einfacher Lösungen. Bei dem Besuch von zwei Side-Events innerhalb von einer Stunde gestern im Bella Center wurde dies deutlich.

So berichtete ein Vertreter des internationalen Verbands der biologischen Landbauverbände IFOAM sehr differenziert, welche Beiträge der ökologische Landbau zur Lösung der Welternährungsproblematik und zur Treibhausgasreduzierung und Sequestrierung leisten kann. Je ausgefeilter die Praxis des ökologischen Landbaus ist, umso höher ist der Beitrag des ökologischen Landbaus zum Klimaschutz einzuordnen.

Und auf der anderen Seite versuchen einige Staaten auf der Klimakonferenz ein plumpes Greenwashing. Sie wollen, dass die Flächen, die zuvor für den Soja -und Palmölanbau gerodet wurden als Treibhausgassenken anerkannt werden. In dieses Bild passt auch, dass nicht nur Staaten sondern auch berühmte transnationale Konzerne versuchen, auf den klimafreundlichen Zug aufzuspringen.

Die Kopenhagener Meerjungfrau - im Original relativ unverbittert ... (Foto: Andreas Köckeritz/pixelio.de)

Die Kopenhagener Meerjungfrau - im Original relativ unverbittert ... (Foto: Andreas Köckeritz/pixelio.de)

Monsanto möchte seine gentechnisch veränderten Sojasorten als eine Lösung für den Klimaschutz anbieten und propagiert für Südamerika die Ausdehnung des Anbaus von gentechnisch veränderter Soja, um Biodiesel herzustellen. Dabei hat gerade dort die Ausdehnung des Sojaanbaus zu einer starken Vernichtung von natürlichen Flächen und zu Erhöhung der Treibhausgasemissionen beigetragen. Dies alles versucht Monsanto mit Hilfe des „Round Table on Responsible Soy“ als besonders nachhaltig zu verkaufen.

Für dieses Verhalten hat Monsanto gestern in einer Pressekonferenz von Friends of the Earth International und Attac Dänemark den ersten Preis der „verbitterten“ Meerjungfrau von Kopenhagen bekommen. 2. Sieger wurde übrigens der Ölkonzern Shell, auch einschlägig bekannt für eine “nachhaltige” Erdölförderung. Urteilen sie nun selber, wer klimafreundlicher ist: die Kuh Elsa oder Monsanto.

(Dr. Bernhard Walter)

Thema: Allgemein, Energie, Klimagerechtigkeit, Klimakonferenz | Kommentare (0) | Autor: Johannes Kuestner

Zweigleisig

Dienstag, 15. Dezember 2009 18:21, Johannes Kuestner

Zugfahren ist ja bekanntlich eine deutlich klimafreundlichere Art zu reisen als Fliegen. Die Verhandlungen in Kopenhagen können einen momentan an vielen Stellen sehr an eine Zugfahrt erinnern – im Guten wie im Schlechten.

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Brot für die Welt-Grundsatzreferent Thorsten Göbel fasst in der Pause für das Team die Ergebnisse einer Sitzung zusammen. (Foto: J. Küstner)

Dazu tragen einerseits die hier geführten Diskussionen über einen sogenannten „zweigleisigen“ Ansatz bei. Das bedeutet, dass es zwei Verhandlungsstränge gibt, die beide in ein Schlussabkommen einfließen sollen. Das eine Gleis sind die Verhandlungen über eine Fortführung des Kyoto-Protokolls über sein Laufzeitenende hinaus – möglichst mit ambitionierteren Zielen. Das zweite Gleis sind die Verhandlungen über neue Vereinbarungen zum Klimaschutz für einen längeren Zeithorizont, die sogenannten Long-term Cooperative Agreements (LCA). Diese beiden Gleise sollen zusammen mit weiteren Entscheidungen des Kopenhagen-Gipfels zu einem „Gesamtpaket“ eines Kopenhagen-Abkommens zusammengeführt werden. Connie Hedegaard, die dänische Präsidentin des Klimagipfels, sagte, dass der zwischenzeitlich erhoffte eingleisige Ansatz eines Nachfolgeabkommens zum Kyoto-Protokoll nun wohl endgültig gestorben sei. Das muss aber an sich noch nicht schlecht sein, wenn es dazu beiträgt, Verhandlungsspielräume für ein ambitioniertes Abkommen zu eröffnen. Auch würde es die Möglichkeit eröffnen, dass der schwerfällige Zug der USA, der es nicht vermag auf den Kyoto-Schienen zu fahren, endlich mal in Fahrt kommt.

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Bummelbahn-Stimmung auf der Klimakonferenz? (Foto: J. Küstner)

Andererseits ist das Bild des Zuges aber auch für den sonstigen Verlauf des Gipfels passend. An vielen Stellen bewegt sich der Zug gerade viel zu langsam, eher im Tempo einer Bummelbahn als mit Hochgeschwindigkeit. Bildlich passt dazu ein Erlebnis, das ich auf meiner Anreise hatte. Da waren wir frühmorgens kurz hinter der dänischen Grenze aus dem Nachtzug geworfen worden mit der Begründung „Wir haben keinen Zugführer mehr“. Vielleicht ist es gut, wenn in den nächsten Tagen einige „Lokführer“ hier auftreten werden und den Verhandlungen nochmal neuen Schwung verleihen. Trotzdem sind hier alle für den Verhandlungserfolg verantwortlich – nicht nur die ca. 120 Staats- und Regierungschefs, die als Lokführer den Gipfel beschließen werden.

(Thorsten Göbel)

Thema: Allgemein | Kommentare (0) | Autor: Johannes Kuestner